rezension1

 

Peter Hepp: Großostheim in den Kriegsjahren 1939 – 1945. Dokumentation des Kriegsalltags in der Heimat und an der Front. Großostheim 2005.

Der Begriff „Vergangenheitsbewältigung“ gehört wohl zu den im Nachkriegsdeutschland am häufigsten gebrauchten Redewendungen. Dennoch gibt es bis heute keine allgemein akzeptierte Definition dessen, was darunter konkret verstanden werden soll. Geht es um eine Auseinandersetzung unserer jüngsten Geschichte, der Klärung von Schuld- und Verantwortungsfragen und daraus zu ziehenden Lehren? Oder, wie Martin Walser und viele andere es neuerdings wieder einmal fordern und anstreben, um eine Art „kollektiven Vergessens”, gleichsam um eine Art der „Entsorgung” von düsteren, das „Volksgewissen” belastenden Perioden unserer Geschichte, auf daß wir uns ungestört den „süßen Seiten” der Gegenwart widmen können?

Die Auseinandersetzung mit dem was war, ist im Leben des Einzelnen wie in dem der Völker von zentraler Bedeutung, weil nur sie ein Voranschreiten im Sinne eines permanenten Lernprozesses möglich macht. „Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung”, lautet die Lehre eines jüdischen Geistlichen aus dem 17. Jahrhundert. Umgekehrt formuliert könnte man es mit den Worten des spanischen Dichters Jorge Santayana so ausdrücken: Die sich des Vergangenen nicht erinnern, sind dazu verurteilt, es noch einmal zu erleben.

Ganz anders versteht es der bereits erwähnte Martin Walser: Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an, wegzuschauen. Es scheint, als stieße solch vergiftetes Denken auf eine wachsende Resonanz in den Kreisen, die schon seit langem Vergessen und Verdrängen als probates Mittel des Umgangs mit unserer jüngeren Geschichte preisen.

Doch gibt es - gottlob - durchaus auch Belege für eine genau gegenläufige Entwicklung. Einer davon ist die steigende Zahl von Publikationen, die sich mit den Ereignissen zwischen 1933 und 1945 in der eigenen Stadt, Gemeinde oder Heimatregion befassen. Dies trifft auch auf Aschaffenburg und den bayerischen Untermain zu. 2002 legte Monika Schmittner eine Dokumentation über Verfolgung und Widerstand am bayerischen Untermain vor (Monika Schmittner: „Verfolgung und Widerstand 1933 bis 1945 am bayerischen Untermain”. Alibri Verlag Aschaffenburg, 2002). 2005 erschien eine ausgezeichnete Dokumentation über Nazi-Verbrechen in der Schlussphase des Zweiten Weltkrieges in Aschaffenburg (Elisabeth Kohlhaas: „1945 - Krieg nach innen.    NS-Verbrechen in Aschaffenburg und an Aschaffenburgern”. Geschichts- und Kunstverein Aschaffenburg, 2005). Dieselbe Autorin hat es zudem dankenswerter Weise übernommen, die Geschichte von Verfolgung, Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bürger Aschaffenburgs in der Zeit des Nationalsozialismus aufzuzeichnen - eine Geschichte, auf die wir in Aschaffenburg schon so viele Jahre gewartet haben.

Jetzt hat Peter Hepp eine Dokumentation über das Geschehen in den Kriegsjahren 1939 bis 1945 in Großostheim vorgelegt. Das Buch schildert den Kriegsalltag in der Heimat und an den Fronten in anschaulicher Weise, illustriert mit zahlreichen Fotos und Dokumenten. Dabei wird das Geschehen in Großostheim stets in den großen, weltpolitischen Zusammenhang eingeordnet, ohne den es unverständlich bleiben müßte. Zugleich wird so in beklemmend-realistischer Weise ein Eindruck vermittelt, mit welcher Totalität und Brutalität das Hitler-Regime vom Leben jedes Einzelnen Besitz ergriff - gleich, ob er nun in Berlin oder Hamburg oder in einer Landgemeinde wie Großostheim zu Hause war.

Hepp ist 1957 geboren und damit Angehöriger jener „Enkelgeneration", die sich anschickt, das Geschehen in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft, also in der Zeit, in der ihre Großeltern lebten, mit mehr Abstand und Unbefangenheit zu analysieren, als dies der ersten Nachkriegsgeneration der Söhne und Töchter möglich war. Trotzdem blieb auch Hepp, wie vielen anderen lokalgeschichtlichen Autoren die Erfahrung nicht erspart, daß - selbst nach mehr als 60 Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges - die nationalsozialistische Schreckenszeit in den Köpfen und Herzen vieler Menschen alles andere als „bewältigt” ist. In extremen Situationen, wie sie unter den Bedingungen einer Diktatur herrschen, treten menschliche Eigenschaften im Guten wie im Bösen mit besonderer Deutlichkeit und Schärfe hervor, wie unter einem Brennglas. Da gibt es Niedertracht, Feigheit und Gemeinheit genau so wie Anstand, Mitmenschlichkeit und Mut. Dies alles hat es gegeben. Und es hat die Menschen gegeben, die all dies und vieles mehr verkörperten - auch in Großostheim. Daran zu rühren kann schmerzlich sein - auch nach 60 Jahren.

Viele haben nicht begriffen, werden vielleicht nie begreifen: Die „zerstörerische Macht des Schweigens” (Heribert Schwan). Schon nach dem Erscheinen seiner Fotodokumentation über die NS-Zeit in Großostheim (Peter Hepp: „Großostheim vor dem Zweiten Weltkrieg 1937-1939. Fotodokumentation der nationalsozialistischen Feier-Kultur”. Großostheim 2004) bekam der Autor zu spüren, daß man sich mit der Aufarbeitung solcher Themen nicht nur Freunde macht. Lokalhistorie zeichnet sich nun einmal durch eine besondere Nähe zu den Akteuren dieser Geschichte und ihrer Nachkommen aus. Dabei entsteht zwangsläufig Reibungshitze. Man könnte sie als die normale „Betriebstemperatur” der „Vergangenheitsbewältigung” bezeichnen. Zu fragen ist allerdings: Heißt, eigene Schuld klären, die Würde verlieren? Oder könnte es sein, daß man sie dadurch erst zurückgewinnt?

Aufgrund einer Mitteilung der Redaktion des Stürmers verkehren Sie trotz Ihrer gemeindlichen Stellung immer noch mit Juden [. . .]. Deshalb fordere ich Sie auf, diese Mißstände sofort abzustellen [. . .], denn sonst müßte ich beim Gemeinderat die Entlassung aus Ihrer gemeindlichen Stellung sofort beantragen. So steht es in einem Brief des Großostheimer Bürgermeisters und NSDAP-Ortsgruppenleiters vom 17. Oktober 1938 an den Bullenwärter Leonhard Becker und so ist er - im Faksimile in Hepp's Buch dokumentiert - nachzulesen. Es handelt sich um ein spannendes und unter mehreren Gesichtspunkten aufschlußreiches Zeitdokument.

In seiner abgrundtiefen Gemeinheit und Bösartigkeit vermittelt der Brief einen realistischen Eindruck von dem vergifteten Klima jener Zeit im ganzen Deutschen Reich. An die Redaktion des antisemitischen Hetzblattes „Der Stürmer”, herausgegeben vom damaligen Gauleiter von Franken, Julius Streicher, wandten sich Hunderte deutscher „Volksgenossen”. Die Spalten dieses Sudelblattes waren voll mit Denunziationen und Verleumdungen über „unbelehrbare” oder „unaufgeklärte” Privat- und Geschäftsleute, Anwälte, Pfarrer usw. Jeder, der es wagte, mit einem Juden auch nur ein freundliches Wort zu wechseln, wurde von „lieben” Mitmenschen an die Gestapo (Geheime Staatspolizei) oder eben an den „Stürmer” gemeldet. Denn selbst in den schwärzesten Zeiten der Unmenschlichkeit gab es Menschen, die sich einen Rest von Anstand und Mitmenschlichkeit bewahrt hatten. Auch das muß eine junge Generation erfahren, die nicht verstehen kann, daß auf Befehl weniger Menschen Millionen Juden verfolgt und ermordet wurden. Auf der anderen Seite gab es natürlich die Vielen, die es für ihre „Pflicht” hielten, solche Menschen zu denunzieren.

Doch ist das Dokument noch aus einem weiteren Grund interessant. In dem Buch ist das Faksimile des Briefes am unteren Rand abgeschnitten. Den Namen des Briefschreibers erfährt der Leser nicht, wohl aber den des Denunzierten. Dies ist ein Beispiel für die häufig besonders in der lokalen und regionalen Geschichtsschreibung anzutreffende Scheu, Täternamen zu nennen, obwohl sie bekannt sind bzw. leicht zu ermitteln wären. Dies vermittelt eine Ahnung von noch heute wirksamen Einflüssen von Tätern bzw. deren Nachkommen.

Ein weiteres Phänomen deutet in diese Richtung. Erstaunlicherweise haben sich viele Menschen nach Kriegsende und zum Teil bis heute geweigert, über ihr Verhalten in der Zeit des Nationalsozialismus zu sprechen - und zwar auch dann nicht, wenn sie in dieser Zeit politisch oder rassisch Verfolgten und Bedrängten geholfen haben. Der Grund: Sie mußten erfahren, daß solche Bekundungen bei vielen ihrer Mitbürger alles andere als willkommen sind. Sie sind nämlich geeignet, die Schutzbehauptung zu widerlegen, es habe in dieser Zeit einfach keine Möglichkeit gegeben, sich „anständig” zu verhalten. Am Ende könnte so der kollektive Freispruch für die übergroße Mehrheit des deutschen Volkes ins Wanken geraten, der aus Mitläufern, die sie waren, quasi „verhinderte Widerständler” machen möchte (hierzu auch: Harald Welzer: „Opa war kein Nazi”. S. Fischer-Verlag 2002).

Ein geradezu erschütternder Fall solcher „kollektiver Vergangenheitsverdrängung” ereignete sich in unseren Tagen in der niederbayerischen Marktgemeinde Ergoldsbach, wo es der Elternbeirat der Grundschule ablehnte, der örtlichen Schule den Namen Max Maurers zu geben. Der ehemalige Polizeibeamte Max Maurer rettete 1945 dreizehn jüdischen KZ-Häftlingen das Leben, indem er sie nach einem gescheiterten Fluchtversuch versteckte, anstatt sie ins Gefängnis zu bringen, wo sie erschossen werden sollten. 15 Jahre nach dem Tod Maurers überreichte 1997 der damalige israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor, der Tochter Maurers, Marta Wimbürger, die ihrem Vater posthum verliehene Auszeichnung „Gerechter unter den Völkern” - die höchste Auszeichnung, die der israelische Staat an Nicht-Juden vergibt.

Alfred Mittermeier, dritter Bürgermeister von Ergoldsbach und zugleich Vorsitzender des Elternbeirats der Grundschule, lehnt die von zahlreichen Bürger geforderte Benennung der Schule nach Max Maurer mit der Begründung ab, die Eltern wollten ihre Kinder nicht der Gefahr aussetzen, daß ihnen haarklein erzählt werde, warum in Deutschland millionenfach Juden ermordet wurden und daß der Ergoldsheimer Polizeibeamte Maurer zu den Wenigen gehörte, die Courage zeigten: Die Kinder sind da irgendwo überfordert (Mittermeier). Nur die Kinder?

Daß es sehr wohl möglich war, sich der menschenverachtenden Ideologie der Nationalsozialisten im Alltag - freilich innerhalb gewisser Grenzen - zu entziehen, das belegt auch Hepp's Dokumentation. Beispiele dafür finden sich zum Beispiel im Kapitel „Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter” (auch dieses mit zahlreichen Fotos und faksimilierten Dokumenten anschaulich illustriert). Entgegen den ausdrücklichen Anweisungen und Verboten der braunen Machthaber wurden die Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter in vielen Fällen als Mitmenschen betrachtet und behandelt, nicht selten sogar in die Familien integriert.

Das mutige Beispiel der Frieda Höfling steht für viele: Dem deutschen Soldaten, der auf ihrem Hof in der Sackgasse Bachstraße zur Kontrolle des dort beschäftigten französischen Kriegsgefangenen Robert erschien und sich darüber empörte, daß dieser zusammen mit der Familie zum Mittagessen am Tisch saß, gab sie wie folgt Bescheid: Wer mit uns zusammen arbeitet, sitzt auch mit uns am Tisch, und wenn Ihnen das nicht passt, dann können Sie ja in der Ecke essen! Der so Gemaßregelte setzte sich daraufhin wortlos mit an den Tisch und ließ es sich schmecken.

Freilich gab es auch Fälle mit tragischem Ausgang: Der 21jährige Obergefreite Ernst Hock, in Großostheim geboren, von Beruf Schneider, verliebte sich 1941 in die polnische Zwangsarbeiterin Zofa Stefanijak, geboren am 24. September 1920 in Ztoczow. Von einem „lieben” Großostheimer Mitbürger bei der Gestapo (Geheime Staatspolizei) denunziert, wurden Stefanijak und Hock am 5. Juli 1941 von der Würzburger Gestapo wegen Schändung der deutschen Ehre verhaftet. Hock wurde in das Konzentrationslager Sachsenhausen eingewiesen, wo er bis zum 6. Oktober inhaftiert blieb. Danach wurde er als Soldat zu einem der sogenannten „Verlorenen Haufen” (Bewährungskompanie) eingezogen und fiel 1944 bei Cherbourg in Frankreich. Das Schicksal von Zofa Stefanijak ist nicht bekannt. Das Letzte, was man von ihr weiß ist, daß sie in das Aschaffenburger Gefängnis eingeliefert wurde. Es muß jedoch davon ausgegangen werden, daß sie hingerichtet wurde; denn Punkt sieben des Merkblatts über die Pflichten polnischer Zwangsarbeiter/innen bestimmte eindeutig: Wer mit einer deutschen Frau oder einem deutschen Mann geschlechtlich verkehrt oder sich ihnen sonst unsittlich nähert, wird mit dem Tode bestraft. Die Todesstrafe wurde in der Regel durch Erhängen vollstreckt.

Insgesamt unterschieden sich die Verhältnisse in Großostheim während der Kriegsjahre wohl nicht wesentlich von denen in tausenden anderer deutscher Landgemeinden. Von Bombenangriffen blieb Großostheim weitgehend verschont. Bombardiert wurde lediglich der bei Ringheim gelegene Flugplatz. Die Ernährungslage dürfte - angesichts der landwirtschaftlichen Prägung der Gemeinde - eher besser gewesen sein als in städtischen Gegenden. Das Wichtigste aber: Anders als zum Beispiel das zur „Festung” erklärte Aschaffenburg wurde Großostheim nicht gegen die heranrückenden amerikanischen Truppen verteidigt. So blieben ihm Zerstörungen durch Bomben oder Artilleriebeschuß weitgehend erspart. Das belegt auch die „Bilanz des Schreckens”, mit der Hepp's Dokumentation abschließt. Zwar starben - ein schrecklicher Blutzoll! - 250 Großostheimer als Soldaten an den Fronten des Zweiten Weltkrieges, aber „nur” sieben Zivilpersonen fielen in Großostheim dem Kriegsgeschehen zum Opfer.

Peter Hepp hat mit seiner Dokumentation über Großostheim in den Kriegsjahren 1939 bis 1945 einen aufschlußreichen und informativen Beitrag zur regionalen Geschichtsschreibung geleistet. Es ist zu hoffen und zu wünschen, daß sein Beispiel Schule macht und Anstöße für weitere zeitgeschichtliche Forschungsarbeiten gibt. An dieser grundsätzlich positiven Bewertung ändern auch kritische Anmerkungen nichts. Im Gegenteil können sie vielleicht Denkanstöße liefern, wenn einmal - was dem Buch zu wünschen ist - eine zweite Auflage in Angriff genommen wird.

In Großostheim wurde am 10. März 1933 der KPD-Ortsgruppenleiter Josef Koch von der Gestapo abgeholt und in das Gefängnis in Aschaffenburg eingeliefert. Der im Ersten Weltkrieg als Frontkämpfer schwer kriegsbeschädigte Hock war 1930 - zusammen mit zwei weiteren Kommunisten - in den Großostheimer Gemeinderat eingezogen.

Vom 8. Mai 1933 bis zum 3. Januar 1934 wurde Koch im Konzentrationslager Dachau gefangen gehalten, mißhandelt und gequält. Danach schlug er sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, bis er 1939 in der Kleiderfabrik Dressler in Aschaffenburg eine Anstellung fand. Nach dem Ende des Krieges setzten die Amerikaner Koch als Bürgermeister von Großostheim ein. Er starb 1969, kurz nach seinem 70. Geburtstag. Heute ist in Großostheim eine Straße nach ihm benannt.

Warum, so ist zu fragen, wird diese bemerkenswerte Vita in Hepp's Dokumentation mit nur dem einzigen, dürren Satz abgetan: Danach setzte die amerikanische Militärverwaltung Josef Koch als Verwalter der Gemeinde Großostheim ein? Weil Koch Kommunist war? Das mag in den Hochzeiten des „Kalten Krieges" Grund genug gewesen sein, heute wirkt es deplaziert.

Es kann keinen Zweifel daran geben, daß auch die Deutschen selbst unter den Folgen des von Hitler entfesselten Weltkrieges Not, Tod, Leid, Vertreibung und Elend erdulden mußten. Je länger der Krieg dauerte, desto mehr wurden auch sie zu Opfern. Tod und Verderben, die die deutschen Armeen in unvorstellbarem Ausmaß über so viele andere Völker gebracht hatten, hielten nun, mit dem Zusammenbruch der deutschen Fronten, auch in Deutschland Einzug.

Der von Hitler und der deutschen Luftwaffe zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte praktizierte Bombenterror gegen die Zivilbevölkerung fremder Völker kehrte sich schon sehr bald nach Kriegsbeginn gegen Deutschland. Jörg Friedrich hat in seinem Buch „Der Brand” (Prophyläen-Verlag, 2002) die Schrecken des Bombenkrieges gegen deutsche Städte und ihre Zivilbevölkerung erschütternd und eindrucksvoll beschrieben. Auch über die Vertreibung tausender Deutscher aus ihrer Heimat als Folge des von Hitler im deutschen Namen entfesselten Angriffskrieges wurde und wird ausführlich berichtet. Auch Hepp's Dokumentation geht darauf ein.

Von großer Wichtigkeit ist dabei stets die sorgfältige Einordnung des Geschehens in den historischen Gesamtzusammenhang, die Darstellung von Ursache und Wirkung. Aufrechnungen eigenen Unrechts gegen das von anderer Seite begangene Unrecht sind genau so fehl am Platze wie die einseitige Betrachtung des den Deutschen zugefügten Leids ohne Blick auf das Leid, das Hitlers Armeen zuvor den von ihnen überfallenen Völkern angetan hatten.

Faschistische Diktaturen und Regime, die Kriege vom Zaune brachen, hat es in der Geschichte schon viele gegeben. Die schreckliche Einmaligkeit des nationalsozialistischen Regimes jedoch besteht darin, daß es einen krankhaften Rassenwahn zur Grundlage eines staatlich organisierten Massenmordes an einem ganzen Volk, dem jüdischen Volk, machte. Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit ist solches geschehen.

Und doch endet Hepp's Dokumentation mit einer „Bilanz des Schreckens", in der die sechs Millionen von den Deutschen ermordeten Juden nicht vorkommen:

Gesamtopferzahl des Zweiten Weltkrieges:               etwa  60 000 000

Mobilisierte deutsche Truppen:                                          10 800 000

Getötete deutsche Soldaten:                                                3 250 000

Davon aus Großostheim:                                                               250

Tote Zivilisten in Deutschland:                                             2 000 000

Davon aus Großostheim:                                                                   7

Flüchtlinge und Vertriebene:                                      rund 14 000 000

Bis heute ungeklärte Schicksale:                                  rund 1 000 000

Zerstörte Gebäude in Deutschland:                                      4 100 000

Großostheim hatte vor 1933 von allen Gemeinden des alten Landkreises Aschaffenburg die größte jüdische Gemeinde. Eine Dokumentation über Großostheim in der Zeit des Nationalsozialismus ohne eingehende Informationen über das Schicksal seiner jüdischen Bürger ist in schmerzlicher Weise unvollständig; eine „Bilanz des Schreckens" ohne Erwähnung der Schrecken des Holocaust ist selbst schrecklich.

Frank Sommer